Reanimation während der Covid-19-Pandemie?

Prof. Dr. Böttiger
Prof. Dr. Böttiger

Defi-Talk Folge 8: Reanimation während der Covid-19-Pandemie? zu Gast: Prof. Dr. Bernd Böttiger

Thema der Folge: Prof. Dr. Bernd Böttiger ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rat für Wiederbelebung und ist seit Jahren in führenden Positionen des Europäischen Rat für Wiederbelebung.
Als besonders kompetenter Experte bespricht er im Gespräch mit Achim Schmitz alles rund um das Thema Reanimation während der Corona Pandemie. Auch beantwortet Prof. Dr. Böttiger was der Deutsche Rat für Wiederbelebung und das europäische Pendant der Europäische Rat für Wiederbelebung machen.

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Defi-Talk Logo. Oranger Hintergrund. Zwei Männer sitzen sich gegenüber, Sprechblasen zeigen einmal ein Piktogramm eines Defibrillators und einmal ein Piktogramm einer Wiederbelebungsszene mit Defibrillator.

Zusammenfassung des Gesprächs

Schmitz: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Defi-Talk. In unserer heutigen Folge soll es um das Thema Wiederbelebung während der Corona Pandemie gehen.
Dazu haben wir einen besonderen Experten zu Gast: Herr Professor Böttiger ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rat für Wiederbelebung und ist seit Jahren in führenden Positionen des Europäischen Rat für Wiederbelebung.
Herr Prof. Böttiger gilt als einer der profiliertesten Wissenschaftler und Experten beim Thema Notfallmedizin und Reanimation. Herzlich willkommen bei Defi-Talk, Herr Professor Böttiger.

Prof. Dr. Böttiger: Hallo, Herr Schmitz und alle die zuhören.

Schmitz: Herr Professor Böttiger, was machen der Deutsche Rat für Wiederbelebung und das europäische Pendant – der Europäische Rat für Wiederbelebung?

Prof. Dr. Böttiger: Ich fange einfach mit dem Europäischen Rat für Wiederbelebung an, den gibt es seit den 90er Jahren. Das ist eine interdisziplinäre, also viele verschiedene Fachgebiete sind da drin und interprofessionelle Organisation, neben Ärztinnen und Ärzten sind noch Rettungsdienstpersonal, Pflegekräfte und andere Menschen dort vertreten. Insbesondere auch alle europäischen Organisationen die irgendetwas mit Kreislaufstillstand und Wiederbelebung zu tun haben wie z. B. die europäischen Anästhesisten, die Kardiologen, die Intensivmediziner, das Rote Kreuz und die anderen Hilfsorganisationen sind da drin vertreten.

Es ist eine große Organisation, also eine Dachorganisation, die insbesondere dafür sorgt, dass wir im Moment alle 5 Jahre und zwischendrin auch jährlich upgedatet werden was die wissenschaftlichen Hintergründe der Wiederbelebung angeht.
Alle 5 Jahre bekommen wir neue Leitlinien zur Wiederbelebung die nächsten werden jetzt im März 2021 publiziert.
Wir entwickeln europäisch Kurse zur Ausbildung von Erwachsenen und auch von Schülerinnen und Schüler in der Wiederbelebung von Erwachsenen, Kindern und Neugeborenen. Wir decken sowohl wissenschaftlich vom Hintergrund her als auch praktisch mit Kursen, die wir generieren und dann sozusagen in den einzelnen Ländern auch durch die nationalen Organisationen durchführen lassen, den ganzen Hintergrund der Wiederbelebung ab.
Unser Ziel ist es, auf europäischer Ebene so viele Menschenleben zusätzlich zu retten wie das nur irgendwie geht.

Der deutsche Rat für Wiederbelebung ist die nationale Organisation – sozusagen mit ähnlichen Hintergründen. Es gibt in Europa 32 nationale Reanimation Organisationen, alle unter dem Dach des Europäischen Rates.
Den deutschen Rat für Wiederbelebung des German Resuscitation Council (GRC) gibt es seit 2007 und ist auch wieder eine interdisziplinär und interprofessionelle Organisation.
Wir haben mehr als 1200 Mitglieder. Alle Fachgesellschaften, die irgendwas mit Wiederbelebung zu tun haben, sind bei uns mit organisiert. Auch alle Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, Malteser, die Johanniter, der Arbeiter-Samariter-Bund und die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG).

Wir haben Kurszentren und Kursorte in ganz Deutschland, in denen wir die gerade beschriebenen Kurse durchführen. Wir übersetzen die Leitlinien, sind auf politischer Ebene aktiv, z. B. beim Thema Schülerinnen und Schüler müssen auch in der Wiederbelebung ausgebildet werden, bevor sie den Führerschein machen, bevor sie in die Pubertät kommen.
Da haben wir auch eine Empfehlung der Kultusministerkonferenz seit 2014, dass das deutschlandweit so durchgeführt wird und wir geben an vielen Stellen auch unsere Meinung zu diesen Themen ab und auch zum Thema Ersthelfer Systeme. Wir möchten auch, dass landesweit bundesweit die Telefonreanimation eingeführt wird.

Schmitz: Vielen Dank, dass Kinder frühzeitig an das Thema Reanimation ran geführt werden sollen, das erscheint mir auch sehr wichtig. Ich glaube, der Kultusministerkonferenz-Beschluss ,der hat bislang noch nicht richtig gegriffen.
So wie ich das mitbekommen habe, ist es vielfach nur bei Bekundungen geblieben – man könnte eigentlich doch mehr erwarten?

Prof. Dr. Böttiger: Das haben sie sehr charmant formuliert, ich würde es etwas drastischer ausdrücken. Ich finde es komplett unverständlich, nicht nachvollziehbar und mindestens außerordentlich schade, dass wir seit 2014 eine Empfehlung des Schulausschusses der Kultusministerkonferenz haben und es gerade mal in Mecklenburg-Vorpommern landesweit umgesetzt ist.
Baden-Württemberg hat die Aktion Löwen retten Leben, die sind auch schon ziemlich weit. Nordrhein-Westfalen hat ein Pilotprojekt, auch ein guter Anfang. Es gibt ein paar Initiativen in Hamburg und in Sachsen, auch in anderen Bundesländern, aber insgesamt sind wir diesbezüglich ein Entwicklungsland.

Wenn man sich überlegt, dass man mit zwei Händen ein Leben retten kann, dann wird das sicher dazu führen, dass der ein oder andere der gut überleben könnte, nicht überlebt.
Deswegen appellieren wir auch immer wieder an die Politik. Schülerinnen und Schüler müssen in der Schule schon lernen, wie das mit der Wiederbelebung geht. Es reichen zwei Stunden pro Jahr, vielleicht ab dem 10. oder 12. Lebensjahr, dann haben sie genügend Kraft für die Herzdruckmassage. Man kann aber auch schon im Kindergarten im Alter von 4 Jahren anfangen.
Wir sind ja auch in anderen Ländern in Europa aktiv. Machen das auf unsere Initiative hin jetzt schon in sechs Ländern, dort ist das verpflichtend für die Schulen. In 24 Ländern ist es eine Empfehlung, dazu gehört Deutschland.

Reanimation während der Covid-19-Pandemie

Schmitz: Aber wir haben ja heute ein anderes Thema, trotzdem finde ich es wichtig, dass wir darüber gesprochen haben. Denn durch eine frühe Wissensvermittlung bei Kindern wird sicher die Akzeptanz und Bereitschaft in unserer Gesellschaft gestärkt, Leben zu retten.
Das Coronavirus hat ja mittlerweile einen erheblichen Einfluss auf unsere Lebensbereiche und dominiert unser Tagesgeschehen. Covid-19 kann zu ernsthaften und zum Teil tödlichen Krankheitsverläufen führen. Daneben gibt es aber weitere lebensbedrohliche Notfallsituation wie der plötzliche Herztod.

Herr Professor Böttiger, was sind aktuell die Herausforderung für die Wiederbelebung von Betroffenen unter den Covid-19-Bedingungen?

Prof. Dr. Böttiger: Ich gehe davon aus, dass mehr als hunderttausend Menschen pro Jahr auf Grund eines Herz-Kreislauf-Stillstandes sterben. Was bei uns sicher die dritthäufigste Todesursache ist.

Wir müssen jetzt mal gucken ob Corona vielleicht eine Änderung in dieser Reihenfolge herbeiführt, das kann durchaus sein, es kommt jetzt darauf an wie das weitergeht. Die entscheidende Message beim Kreislaufstillstand ist, dass man mit einfachsten Mitteln dazu beitragen kann, dass die Menschen nicht sterben, die einen Kreislaufstillstand erleiden.

Es ist wichtig zu wissen, dass bei uns in Deutschland im Mittel nach 9 Minuten der Rettungsdienst kommt. Auf dem Land und teilweise in der Stadt kann es durchaus ein bisschen länger dauern.
Wichtig zu wissen ist, dass wenn das Herz nicht mehr schlägt oder es nicht mehr richtig schlägt, das Blut nicht mehr durch den Körper und insbesondere zum Gehirn gepumpt wird. Dann wird jeder Mensch nach 10 bis 15 Sekunden bewusstlos.
Das Gehirn braucht ständig Sauerstoff und wenn das Blut nicht mehr fließt, stellt es seine Funktion ein. Nach drei bis fünf Minuten fängt es schon an zu sterben und deswegen kommt der Rettungsdienst praktisch immer zu spät. Deswegen überleben im Moment auch nur etwa 10 % der Betroffenen, also nur jeder zehnte überlebt diese tödliche Erkrankung.

Das, was man tun kann und muss, um das zu verhindern, geht nur, wenn man dabei ist und es mitbekommt. Bei ungefähr 60 bis 70 % aller Kreislaufstillstände steht jemand dabei, der sieht, wie jemand umfällt oder hört. Und nur hier kann man natürlich nur eingreifen.
Es ist auch wichtig zu wissen, gerade wenn wir das Thema Corona fokussieren, dass in normalen Zeiten über 60 % aller Kreislaufstillstände zu Hause passieren und wir wissen von Publikationen von Daten aus Italien, dass es in Zeiten von Corona noch deutlich mehr ist. Aus Norditalien wird berichtet, dass in der ersten Welle der Corona
Infektion 90 % aller Kreislaufstillstände zu Hause passiert sind. Das ist eine gute Information, wenn man so will, weil es nämlich bedeutet, dass in der Regel Familienangehörige oder Freunde betroffen sind. Gut meine ich im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Da lebt man sowieso schon in einer Gemeinschaft, in der Regel, weil es eben zu Hause passiert.
Die Gefahr sich anzustecken oder das Virus zu übertragen ist geringer. Auch hat man eine ganz andere Motivation selbst aktiv zu werden, wenn man weiß es handelt sich hier um Familienangehörige oder Freunde.

Wiederbelebung ist kinderleicht, man kann Wiederbelebung in einer Minute lernen und jeder kann es lernen.
Alles, was man dazu braucht, sind zwei Hände. Das Motto der Wiederbelebung ist „Prüfen – Rufen  – Drücken“. Prüfen heißt auf Lebenszeichen prüfen, wenn da jemand liegt, dann rüttelt, spricht und zwickt man ihn vielleicht auch mal.
Früher – vor Corona – haben wir gesagt: bitte auch die Atmung überprüfen dadurch, dass man das Ohr über Mund und Nase des Betroffenen legt, den Kopf des Betroffenen etwas nach hinten überstreckt und mit den Augen auf den Brustkorb schaut, ob der sich hebt oder senkt.
Das empfehlen wir in Corona Zeiten so nicht mehr unbedingt. Denn dabei kommt man natürlich den Menschen schon sehr nahe, wenn das jetzt allerdings ein Familienangehöriger ist, kann man das vielleicht trotzdem machen.
Auch aus der Ferne kann man überprüfen, ob jemand noch normal atmet. Das Entscheidende ist normal atmen, in vielen Fällen beim Beginn eines Kreislaufstillstandes tritt eine sogenannte Schnappatmung auf.

Wenn also tatsächlich nichts passiert beim Prüfen, das kann man in zehn Sekunden für sich feststellen, sollte man keine Zeit verlieren. Nach dem Prüfen kommt Rufen. Die 112 in Deutschland und in der Regel auch in allen anderen europäischen Ländern und dann kommt das Drücken.
Das Drücken ist auch ganz einfach und das Allerbeste ist übrigens, wenn die Rettungsleitstelle, die Sie gerade angerufen haben, ihnen dabei hilft. Vor einigen Jahren haben ungefähr 30 % aller Rettungsleitstellen in Deutschland die sogenannte Telefonreanimation angeboten.
Ich hoffe, dass das heute besser ist, es gibt Nachbarländer von uns, da ist das gesetzlich verpflichtend fürs ganze Land festgelegt. Drücken, also die Herzdruckmassage kann ganz leicht am Telefon erklärt werden.
Wenn Sie also unsicher sind wie sie das machen sollen, sage ich jedem Laien, sagen sie der Leitstelle einfach, dass die am Telefon bleiben sollen und machen Sie Ihr Handy laut, legen es neben sich und lassen es sich erklären.

Auch sollte die Person auf den Rücken liegen, dann ist es wichtig, dass man sieht, wo die beiden Brustwarzen sind. Deswegen empfehlen wir den Pullover hoch zu machen oder das Hemd aufzuknöpfen, aber jetzt nicht den Menschen irgendwie vom Oberkörper herauszuziehen. Wichtig ist zu sehen, wo die beiden Brustwarzen sind. Zur Not kann man das auch vermuten und dann muss man genau zwischen den beiden Brustwarzen, auf dem Brustbein Drücken – Entlasten und wieder Drücken  – Entlasten. Beim Erwachsenen 5 bis 6 cm tief – das ist richtig tief – und richtig fest.
Bei der Hälfte der Fälle brechen dabei auch die Rippen, das ist ganz normal, wenn es da auch knackt. Es macht aber nichts und die heilen wieder.

Am besten kniet man dabei neben den betroffenen Menschen und dann eine Hand auf den Druckpunkt legen, auf dem Brustbein, genau zwischen den Brustwarzen. Die andere Hand darauf, man kann die Finger auch verschränken, wenn man möchte. Dann mit den Schultern genau über den Druckpunkt und Arme ausgestreckt. Sodass man sozusagen auch beim Drücken die Arme ausgestreckt lässt und mit dem ganzen Körper, mit den Schultern sozusagen sich runterbewegt und wieder Drücken und dann Entlasten.
So hat man die beste Mechanik und kann es am einfachsten über längere Zeit durchführen. In der Regel ist man nach 2 Minuten auch echt ein bisschen außer Puste. Man sollte sich deshalb alle 2 Minuten abwechseln.

Was wir jetzt in Corona Zeiten an dieser Stelle auch empfehlen ist insbesondere, wenn es sich um fremde Menschen handelt, dass bevor man mit der Herzdruckmassage beginnt, den Menschen eine Maske aufsetzt, wenn sie nicht ohnehin schon eine aufhaben. Auch sollte man selbst eine Maske tragen.
Wenn man keine Maske hat, kann man auch ein Schal oder ein Tuch oder ein Kleidungsstück über Mund und Nase des Betroffenen legen. Gerade in Corona Zeiten ist natürlich Schutz wichtig. Man kann nie ausschließen, dass ein Virus auch durch eine Wiederbelebung übertragen wird.

Ich kenne eine Mutter von einem Jungen, der hier ganz in der Nähe von einer Schülerin einmal erfolgreich wiederbelebt wurde. Die Mutter hat damals mir gesagt: Wiederbelebung – zu wissen wie das geht ist eigentlich eine Bürgerpflicht. Deswegen sage ich noch mal „Prüfen – Rufen – Drücken“, ist eine Pflicht und wird nicht erst seit Corona empfohlen, sondern schon seit fast 10 Jahren.
Weil es ja auch schon früher immer für Laien abschreckend war, wenn wir gesagt haben man muss die Menschen beatmen. Man will ja vielleicht auch nicht irgendwelche wildfremden Menschen beatmen, auch früher gab es schon Bedenken, dass man sich irgendetwas an Krankheit und Erreger holen könnte.

Seit wir „Prüfen – Rufen – Drücken“ empfehlen, wie gesagt schon lange ist die Laienreanimations-Quote auch bei uns im Land deutlich hochgegangen und das rettet unglaublich viele Leben zusätzlich.
Es reicht in der Regel bis der Rettungsdienst kommt, also 8 bis 10 Minuten ist meistens noch genügend Sauerstoff im Blut. Sie müssen sich vorstellen – das Gehirn braucht ganz viel Sauerstoff und durch die Herzdruckmassage bringe ich das Blut wieder zum Fließen. Also wir übernehmen von außen die Funktion des Herzens, das im Moment nicht mehr arbeitet oder nicht mehr gut arbeitet. Damit fließt das Blut wieder und Sauerstoff aus anderen Körpergegenden kommt ins Gehirn und ich verhindere, dass das Gehirn und somit der Mensch stirbt.

Beatmen soll man auch nur, wenn man das auch möchte und auch kann. Beatmung hilft vor allen Dingen dann, wenn es länger dauert. Also ca. 8 bis 10 Minuten bis der Rettungsdienst da ist. Irgendwann ist halt auch kein Sauerstoff mehr in ausreichender Menge im Blut, dann reicht „Prüfen – Rufen – Drücken“ vielleicht auch nicht mehr aus.

Schmitz: Wie sehen Sie das, ist es von Vorteil den Kopf des Betroffenen während der Herzdruckmassage überstreckt zuhalten? Ein Stück weit führt die Herzdruckmassage zu einem Luftaustausch in der Lunge. Man spricht gleichzeitig immer vom sogenannten Totraum.
Diese Frage geht ein wenig ins Wissenschaftliche, aber hat das Überstrecken während der Herzdruckmassage einen positiven Effekt?

Prof. Dr. Böttiger: Wenn ich jetzt in der Situation wäre, dass ich reanimieren müsste und wäre vielleicht auch alleine und würde mich vielleicht auch dafür entscheiden, aus welchen Gründen auch immer nicht zu beatmen, dann würde ich den Kopf überstrecken. Weil es tatsächlich Hinweise gibt, dass alleine durch die Herzdruckmassage dann auch ein bisschen Luft aus den Lungen gedrückt wird und bei der Entlastung auch wieder in die Lungen hereingeht. Genau weiß das niemand, aber wahrscheinlich gibt es ein Gewissen wie wir sagen Gasaustausch.

Solange eine Corona-Gefahr besteht, ist es aber auch an der Stelle sinnvoll, das erst dann zu tun, wenn die Betroffenen eine Maske aufhaben oder wenn man denen eine Maske aufgesetzt hat.

Was ich vielleicht noch sagen möchte, ist, dass wir diese heftige Herzdruckmassage mit 5 bis 6 cm drücken, entlasten, drücken, entlasten beim Erwachsenen machen. Bei Kindern natürlich weniger, also bei Kindern ein Drittel des Brustkorbes Durchmessers. Wobei bei Kinder ist es zum Glück extrem selten, dass die so einen Kreislaufstillstand haben.

Die Frequenz, mit der man die Herzdruckmassage macht, ist vielleicht auch noch wichtig. Wir empfehlen, da gibt es viele Studien zu, die zeigen dass es am besten 100 bis 120 Mal pro Minute, also ungefähr zweimal pro Sekunde.
Es gibt eine ganze Reihe von Liedern, die teilweise bekannt sind, an denen man sich orientieren kann. Ein Klassiker ist natürlich „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees. Aber auch „Get Lucky“ von Daft Punk, „Highway to Hell“ oder auch „Atemlos durch die Nacht“ geht.
Mit „Prüfen – Rufen – Drücken“ und ein Lied im Kopf, hat man schon große Chancen ein Menschenleben zu retten, also als Laie, bevor der Rettungsdienst kommt mit Wiederbelebungsmaßnahmen anzufangen. Es verdoppelt bis verdreifacht die Überlebensrate.

Das einzige, was man falsch machen kann, ist nichts zu tun. Was häufig nicht ganz richtig gemacht wird, ist, dass sich in der Regel die Menschen nicht trauen fest genug zu drücken.
Deswegen sagen wir immer Hauptsache heftige Herzdruckmassage.

Schmitz: Kinder sind selten vom plötzlichen Herztod betroffen und wenn doch dann möchte man im Bedarfsfall gerade den Kindern helfen.
Im Erste Hilfe Kurs lernt man, dass die Beatmung bei der Reanimation von Kindern eine besondere Bedeutung hat, warum ist das so und ändert sich durch die Covid-19 Bedingungen etwas?

Prof. Dr. Böttiger: Es ist extrem selten zum Glück, dass Kinder einen Kreislaufstillstand haben. Das kommt wenige hundertmal im Jahr in Deutschland vor und bei Erwachsenen sind es wie gesagt 70.000 – 100.000 wahrscheinlich sogar mehr pro Jahr.

Auch der Grund für den Kreislaufstillstand ist bei Kindern in der Regel ein ganz anderer als bei Erwachsenen. Bei Erwachsenen hört in der Regel das Herz auf zu schlagen, die meisten Menschen haben einen Herzinfarkt und meistens Männer mittleren Alters. Da ist es so, wenn das Herz aufhört zu schlagen, fließt kein Blut mehr, aber im Blut ist natürlich noch genügend Sauerstoff, weil der Mensch bis gerade eben auch geatmet hat. Deswegen funktioniert auch „Prüfen – Rufen – Drücken“.
In den allermeisten Fällen als ausschließliche Maßnahme für die Laien auch gut – so lange bis der Rettungsdienst kommt.

Bei Kindern gehen wir davon aus, dass die in den allermeisten Fällen einen sogenannten asphyktischer Kreislaufstillstand haben, dort setzt als Erstes, aus welchen Gründen auch immer die Atmung aus.
Erst dann bleibt sekundär das Herz stehen, weil das Herz nicht mehr genügend Sauerstoff hat und nicht mehr genügend Sauerstoff im Blut ist, nachdem die Atmung ausgesetzt hat.

Das wichtigste haben Sie schon gesagt meistens sind ja Angehörige bei den Kindern dabei, da ist das denke ich gar keine Frage. Ansonsten ist das vielleicht in vielen Situationen auch keine Frage, wenn man weiß, dass das Kind halt eben einfach stirbt, wenn man nichts tut. Dann ist man vielleicht auch bereit sich einem geringen zusätzlichen Risiko einer Ansteckung auszusetzen, wie hoch das ist, kann im Moment keiner sagen. Ist natürlich auch immer abhängig von der gegenwärtigen Infektionslage. Sicher im Moment in Deutschland noch sehr gering, auch, wenn wir schon sehr viele Todesfälle jeden Tag an Corona haben, ist ja die sogenannte Durchseuchung der Bevölkerung hier im einstelligen Prozentbereich.

Dann ist es vielleicht auch noch mal eine Frage, ob man jung und gesund ist oder ob man 85 Jahre, männlich, mit verschiedenen Vorerkrankungen ist und auch noch raucht. Dann hat man ganz unterschiedliche Risiken, sollte man sich anstecken mit Corona und das muss man alles für sich selber abwägen.

Wichtig ist einfach zu wissen bei Kindern wird die Beatmung empfohlen und wenn es irgendwie geht und wenn man das vertreten kann, sollte man bei der Durchführung 5-mal beatmen und ab dann 30-mal drücken, dann zweimal beatmen 30-mal drücken und zweimal beatmen. So wie man das beim Führerschein und da hoffentlich vielleicht auch schon vorher gelernt hat.

Schmitz: Das Thema Beatmung bei Laienhelfern und auch bei Ersthelfern wird mitunter kontrovers geführt. Ist die Beatmung eher eine Hürde und gegebenenfalls ein Hindernis für eine ununterbrochene Herzdruckmassage?
Erwarten Sie, dass die konsequente und ununterbrochene Durchführung der Herzdruckmassage gegebenenfalls zum empfohlenen Ansatz für Ersthelfer in der Nach-Corona-Welt wird?

Prof. Dr. Böttiger: Also in den Leitlinien empfehlen wir schon seit, ich glaube mindestens 15 Jahren,  dass man die Beatmung dann durchführen soll, wenn man es kann und auch möchte. Das heißt, wenn ich das jetzt noch nie gemacht habe Mund-zu-Mund-Beatmung auch nicht im Kurs auch nicht an der Puppe, dann ist das auch nicht sinnvoll, dass ich damit anfange.

Man kann die Beatmung auch nicht am Telefon erklären im Gegensatz zu der Herzdruckmassage. Die kann man innerhalb von weniger als einer Minute erklären und auch lernen.
Bei Erwachsenen ist es in vielen Fällen ausreichend die Herzdruckmassage durchzuführen. Weil für einige Minuten und oft reicht das, solange bis der Rettungsdienst kommt, noch genügend Sauerstoff im Blut ist und den man durch die Herzdruckmassage dann zum Gehirn befördert und das Gehirn stirbt nicht.
Bei Kindern ist das anders wir hatten vorhin drüber gesprochen und das ist natürlich auch bei Menschen die z. B. ertrunken sind oder anderweitig erstickt sind durch Erhängen oder durch Unfälle, da ist die Beatmung von Anfang an sinnvoll und notwendig.
Diese letztgenannten Situationen sind aber im Vergleich zum klassischen Herz-Kreislauf-Stillstand extrem selten.

Also Beatmung ist die Kür, dass kann man machen auch beim normalen Kreislaufstillstand bringt das vielleicht noch mal einen zusätzlichen Effekt, aber ist eben nur dann sinnvoll, wenn man es kann und wenn man das auch möchte.

Hilfsmittel Einsatz bei der Beatmung

Schmitz: Die Leitlinien behandeln auch das Thema Hilfsmittel Einsatz bei der Beatmung.
Für welchen Personenkreis ist aus ihrer Sicht z. B. der Einsatz von Beatmungsbeutel sinnvoll?
Wäre der Einsatz z. B. durch Ersthelfer im Betrieb sinnvoll? Welche Voraussetzungen sollten erfüllt sein?

Prof. Dr. Böttiger: Ein Laie, der so ein Ding noch nie in der Hand hatte, der der wird damit nicht viel Positives anrichten können. Das muss man geübt haben, und zwar ein paar mal schon, nicht nur einmal an einer Puppe und am besten auch am Menschen.  Wir machen das z. B. beim Einleiten der Narkose,  wenn die Menschen schon schlafen, werden sie von uns künstlich beatmet über einen Beutel und eine Maske und dabei kann das auch jeder gut üben, da muss man das aber auch geübt haben, sonst kann man das nicht.

Ersthelfer z. B. betrieblicher Ersthelfer oder auch so First-Responder Systeme wie es an einigen Stellen in Deutschland schon gibt, wo Laien oder auch nicht Laien, also Menschen die nicht im Rettungsdienst sind, jetzt vor Ort arbeiten. Die parallel mit dem Rettungsdienst alarmiert werden, weil sie vielleicht in der Nähe sind und man das über einen Algorithmus sieht. Über die Smartphones, die angemeldet sind, kann man sehen, wer sich als Ersthelfer bereit erklärt hat und in der Nähe eines Kreislaufstillstandes ist. Die werden dann mit alarmiert und dann kommt der Rettungsdienst meistens bisschen später als der Ersthelfer. Solche Systeme verbessern auch deutlich das Überleben.

„Prüfen – Rufen – Drücken“ hilft auch da schon sehr, weil wenn es irgendwie geht, sollten Ersthelfer auch wissen wie das mit der Beatmung geht und dann natürlich am besten auch Hilfsmittel benutzen.
Deren Einsatz sollten Sie aber vorher unbedingt geübt haben.

Kinder frühzeitig in Wiederbelebung schulen

Schmitz: Ich komme noch mal zurück auf die Ausbildung von Kindern. Ab welchem Alter sollten Kinder bereits das Wiederbeleben lernen und sollten diese bereits mit Hilfsmitteln vertraut gemacht werden?

Prof. Dr. Böttiger: Man kann gar nicht früh genug damit anfangen. Im Kindergarten mit vier, da kann man schon Prüfen und Rufen machen. Das Drücken dann mit zehn bis zwölf und die Beatmung und den AED empfehlen wir dann so um das Alter 14 – 18.

Es ist kinderleicht und man kann nichts falsch machen. Sie wissen jetzt wie das geht und ich bin mir sicher Sie können das jetzt auch, wenn sie in eine solche Situation kommen würden. Alle die uns zuhören, wissen jetzt wie das geht und ich bedanke mich sehr herzlich, für die Gelegenheit die Menschenleben retten wird.
Dankeschön, Herr Schmitz.

Schmitz: Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie auf unserer Webseite jedeminute unter Defi-Talk oder auch auf der Webseite des Deutschen Rat für Wiederbelebung. Dort finden Sie die Leitlinie und Handlungsempfehlung zur Reanimation. Zudem möchte ich auf die Deutsche Stiftung für Wiederbelebung aufmerksam machen. Die Stiftung wurde von Herrn Professor Böttiger ins Leben gerufen und hat sich zum Ziel gesetzt die Überlebensrate nach einem plötzlichem Herz-Kreislauf-Stillstand zu verbessern, unter anderen durch die Förderung der Laien- und Schülerausbildung. Die Webseite können Sie unter Deutsche Stiftung Wiederbelebung aufrufen.
Ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Ihnen, Herrn Professor Böttiger, für das wertvolle Gespräch mit Ihnen und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Liebe Hörerinnen und Hörer, hat ihnen die Folge gefallen? Liegt auch Ihnen das Thema Erst Hilfe und Notfallrettung am Herzen? Als Abonnent verpassen Sie keine Folge. Durch eine positive Bewertung helfen Sie mit, dass die Erste Hilfe und Notfallrettung eine höhere Aufmerksamkeit erhält. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir dadurch mehr Menschen motivieren, Erste Hilfe im Notfall zu leisten. Denn jede Minute zählt in einem Notfall. Wir bedanken uns herzlich für die Unterstützung der ZOLL Medical Deutschland.

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