Defi-Talk Folge 1: Erste Hilfe und Defibrillatoren an Schulen


Defi-Talk Logo. Oranger Hintergrund. Zwei Männer sitzen sich gegenüber, Sprechblasen zeigen einmal ein Piktogramm eines Defibrillators und einmal ein Piktogramm einer Wiederbelebungsszene mit Defibrillator.

Folgentitel: Erste-Hilfe-Ausbildung für Kinder? zu Gast: Bergische Lebensretter e.V.

Zu Gast: Kathrin Funk und Elke Bojarski von den Bergischen Lebensretter e.V.

Thema der Folge: Die Bergischen Lebensretter e.V. setzen sich dafür ein, dass Kinder bereits in der Schule lernen wie eine effektive Erste Hilfe aussehen kann und wie Defibrillatoren im Notfall richtig eingesetzt werden. Kathrin Funk, Fachärztin für Anästhesie, und Elke Bojarski, Grafikdesignerin, haben den gemeinnützigen Verein gegründet und erzählen im Gespräch mit Achim Schmitz von jedeminute, warum es so wichtig ist, dass Kinder bereits frühzeitig an das Thema Erste Hilfe herangeführt werden und woran der effektive Einsatz von Defibrillatoren in Notfallsituationen häufig scheitert.

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Zusammenfassung des Gesprächs

Schmitz: In der heutigen Podcastfolge haben wir die Bergischen Lebensretter e.V. zu Gast. Frau Funk und Frau Bojarski haben die Bergischen Lebensretter gegründet. Bitte stellen Sie sich und Ihren Verein kurz unseren Hörern vor.

Funk: Schönen guten Tag, mein Name ist Kathrin Funk, ich bin Fachärztin für Anästhesie und auch als Notfallmedizinerin tätig.

Bojarski: Schönen guten Tag, ich bin Elke Bojarski. Ich bin Grafikdesignerin und der zweite Kopf von den Bergischen Lebensrettern. Ich unterstütze Frau Funk tatkräftig in Gestaltung und mentaler Unterstützung und ich bin der Vorzeigelaie, der keine Ahnung von der Medizin hat.

Funk: Sie holt mich dann wieder zurück, wenn ich zu medizinisch in meinen Ausdrucksweisen werde. Das ist immer sehr hilfreich.

Schmitz: Wunderbar! Frau Funk, wie sind sie eigentlich auf die Idee gekommen, die Bergischen Lebensretter zu gründen?

Funk: Das war ein Zufall. Ich habe auf einer Industrieausstellung ein Spiel gesehen, bei dem Kindern und Jugendlichen das Thema Erste Hilfe nahegebracht wurde. Die Kinder wurden anhand von Reanimationspuppen mit einem Feedback-System und einem anschließenden Spiel motiviert, sich dem Thema anzunähern. Ich hatte im Vorfeld schon mal mit Kindern gearbeitet und empfand es als sehr motivierend. Die sind dem Thema gegenüber aufgeschlossen und sie lassen sich leicht mitreißen. Da hatte ich einfach Lust es auszuprobieren. Dann entwickelte sich im Laufe des letzten Jahres die Idee der Bergischen Lebensretter und wir haben schlussendlich den Verein gegründet.

Schmitz: Wie ist es denn prinzipiell dazu gekommen, dass sie sagen das Thema Lebensrettung spielt eine große Rolle und sollte eigentlich auch schon Kinder etwas angehen? Was ist ihre Motivation?

Funk: Die meisten Menschen schieben dieses Thema weit von sich weg, weil es zum einen unangenehmen und angstbehaftet ist und zum anderen glauben viele: „Das passiert mir sowieso nicht.“ Dem ist nicht so. In der eigenen Familie habe ich es erlebt. Mein Vater ist vor 15 Jahren reanimiert worden und hat mit einem guten neurologischen outcome überlebt, weil es beherzte Ersthelfer gab. Das ist schon eine sehr gute Motivation das Ganze zu machen. So geht es nicht nur mir, so geht es auch Vielen, die entsprechende Angehörige haben.
Leider ist das Thema aber nicht publik genug und ich denke dem Thema sollte sich jeder öffnen, weil – und das ist eine Erfahrung aus meinem Berufsalltag – die meisten Menschen zu Hause umfallen, neben ihren Partnern, Angehörigen, Freunden, Bekannten oder Kollegen, im Sportverein oder bei der Arbeit. Es sind also durchaus nicht Fremde, für die man sich bemüht, sondern meistens Menschen, mit denen man durchaus Kontakt hat.

Schmitz: Das finde ich hervorragend. Wo liegen aus ihrer Sicht denn die Probleme, dass sich viele doch so schwer tun damit wirklich Erste Hilfe zu leisten im Notfall?

Funk: Das ist die Angst. Die Angst, dass man Fehler macht, die Angst belangt zu werden, dass man juristische Konsequenzen zu befürchten hat, vielleicht auch Angst vor irgendwelchen infektiösen Geschehen. Die meisten haben einfach Angst etwas falsch zu machen und hoffen, dass es jemand in der Nähe es vielleicht besser kann und treten dann lieber einen Schritt zurück.
Oder in den Fällen, wo man zu Hause alleine ist wird die Situation häufig nicht richtig eingeschätzt. Der Herz-Kreislauf-Stillstand wird meistens überhaupt nicht als solcher identifiziert. Die Einsatzmeldungen lauten dann meistens: „Der ist bewusstlos.“ Und was macht man mit einem Bewusstlosen? Das hat man schön im Erste-Hilfe-Kurs gelernt: Den legt man in die stabile Seitenlage, aber dass er nun nicht mehr atmet und keinen Kreislauf mehr hat wird häufig verkannt.

Schmitz: Warum ist es aus ihrer Sicht wichtig, gerade mit jungen Menschen ein Notfalltraining zu machen?

Funk: Junge Menschen kann man leichter motivieren und sie sind offen etwas Neues zu erfahren. Unsere Idee ist, dass die Kinder aber nicht nur einmal davon hören und ein, zwei Mal üben bis zum Schulabschluss. Nein, wir möchten gerne, dass die Kinder das regelmäßig machen. In kleinen kurzen Einheiten sollen sie die Herzdruckmassage regelmäßig trainieren.
So hat man am Ende nicht jemanden, der weiß, was prinzipiell zu tun wäre, sondern jemanden, der auch mit einer guten Qualität handeln kann und der Patient nicht nur überlebt, sondern so überlebt, dass er hinterher eine gute Lebensqualität hat. Erste Hilfe sollte so sein, wie Fahrradfahren: Wenn die Kinder die Schule verlassen haben und dann viele Jahre später in eine Notfallsituation kommen, sollte sie einfach automatisiert abgerufen werden können. Das wäre unser Ziel.

Schmitz: Das ist vielleicht ein bisschen wie das Motto: „Was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans nimmermehr“. Das ist zwar ein altes Sprichwort, aber ich glaube da ist etwas dran. Junge Menschen tun sich erheblich leichter, wenn sie so etwas lernen sollen. Andererseits glaube ich, dass man das in jedem Alter lernen kann, aber die Motivation und die Offenheit ist wahrscheinlich bei jüngeren Menschen oft größer.

Funk: Wir haben bei unserer Vereinsgründung in die Satzung mit aufgenommen, dass wir uns natürlich nicht nur für Kinder einsetzen, sondern auch ansprechbar sind für jeden der gerne Erste Hilfe erlernen möchte. Es haben sich bei mir Senioren gemeldet, die kranke Partner zu Hause haben, die sehr interessiert sind an dem Thema. Wir hoffen durchaus auch auf Interessiert von Sportvereinen oder von Firmen. Jede und Jeder der Lust hat sich dem Thema anzunehmen, der soll bei uns ein offenes Ohr und die Möglichkeit zum Üben haben. Dafür haben wir Übungsräume eingerichtet.

Schmitz: Wie schätzen Sie denn die jetzige Situation in Deutschland ein, wenn man betrachtet, wie viele Menschen überhaupt in der Lage und willens sind Erste Hilfe zu leisten?

Funk: Da gibt es ein paar Statistiken und die sehen gar nicht gut aus. Wir sind in Deutschland deutlich schlechter als unsere Nachbarländer, die es deutlich über 70 % der Laienreanimationen schaffen. Wir liegen in Deutschland zwischen 30 und 40 %, je nach Region, und das ist wirklich sehr, sehr beklagenswert. Wir hoffen, dass wir etwas dazu beitragen können, dass ich das verbessert.

Schmitz: Ich glaube sogar bei den 30 bis 40 % handelt es sich um die Fälle, in denen tatsächlich Erste Hilfe geleistet wird, das sind aber nicht unbedingt die Fälle, in denen wirklich erfolgreich reanimiert wird. Da sind wir noch schlechter und meines Wissens nach liegt diese Zahl bei um die 10 %, manche sagen sogar darunter. Das ist erschreckend.

Funk: Es ist erschreckend, aber ich denke auch, die meisten besuchen einmal einen Erste-Hilfe-Kurs und dann weiß man prinzipiell, dass man ungefähr in der Mitte des Brustkorbs drücken muss, aber mit welcher Frequenz, mit wieviel Kraft, das kann man sich unmöglich merken mit einem Mal Erste Hilfe. Die Motivation für diese Kurse ist meistens auch nicht, dass man sich dem Thema nahe fühlt, sondern der Kurs ist oftmals eine Bedingung, z. B. für den Führerschein. Das sind die Motivationen, die nicht unbedingt zielführend sind.

Schmitz: Wie gut ist aus ihrer Sicht die Versorgung mit Defibrillatoren in Deutschland und vielleicht auch in den Schulen.

Funk: Ich hatte meine Augen ein bisschen aufgemacht in den Schulen, die ich besucht habe und da sind eigentlich keine. Manchmal sucht man recht kräftig und findet doch mal einen. Ich habe kürzlich in einer Schule ein schlimmes Beispiel erlebt: da hing ein Defibrillator, der mehr oder weniger zugeklebt war, weil der Akku leer war. Da hatten Eltern aus einer Privatinitiative einen Defibrillator angeschafft und irgendwann fühlte sich niemand mehr zuständig und das Projekt ist gestorben.
Meiner Erfahrung nach, stehen und fallen solche Projekte immer mit engagierten Einzelpersonen, aber wenn die nicht mehr willens sind, genau dieses Projekt weiterzuverfolgen, dann wird dieses Projekt sterben. Deshalb versuchen wir das Ganze nicht von außen in die Schulen zu bringen, sondern ein Bewusstsein zu schaffen innerhalb der Schule, sodass der Reanimationsunterricht seinen festen Platz bekommt.

Schmitz: Wenn wir jetzt noch mal auf die Schulen genauer eingehen: Deutschland hat sich im Prinzip schon vor einigen Jahren dafür ausgesprochen, dass Erste-Hilfe-Training zur Schulausbildung für junge Menschen gehört. Das ist aber nicht richtig durchgesetzt oder umgesetzt worden bislang, oder?

Funk: Nein, es gab 2014 einen Beschluss der Kultusministerkonferenz, der besagt, dass ab der siebten Klasse 90 Minuten Erste-Hilfe-Training pro Schuljahr stattfinden sollen. Das hat nicht funktioniert. Auf Rückfrage sagt das Kultusministerium, dass die Umsetzung dieser Empfehlung Ländersache sei. Umgesetzt wird es aber definitiv nicht. Ich habe zwei Kinder, die längst durch die Klasse 7 durch sind und keiner von ihnen hat jemals eine Hand an einer Reanimationspuppe gehabt.

Schmitz: Wir haben ein Motto, das besagt: „Jede Minute zählt.“ Was fällt Ihnen dazu ein?

Funk: Mir würde spontan einfallen: Jede Minute zählt, damit nicht nur ein Leben, sondern ein Leben mit guter Lebensqualität gerettet wird. Was nützt es, wenn der Notarzt eintrifft und es schafft einen Herz-Kreislauf wiederherzustellen und der Patient lebenslang mit neurologischen Defiziten in einem Beatmungsheim dahinvegetieren muss? Ich finde das ist eine sehr frustrierende Vorstellung, wenn man es tatsächlich mal schafft ein Leben zu retten.

Schmitz: Frau Bojarski, was ist Ihre Motivation sich da einzubringen?

Bojarski: Meine Motivation liegt eigentlich auch darin, dass es im Prinzip jeden treffen kann. Mich selber kann es ja auch treffen. Ich bin jetzt 52 Jahre alt, gehe über die Straße, kriege einen Herzinfarkt und dann liege ich da. Dann bin ich froh, wenn da ein paar Schüler gerade vorbei gehen und sagen: „Oh, die Frauen liegt da. Wir hatten doch da etwas gelernt mit Herzdruckmassage, probieren wir das mal aus.“ Man denkt immer, das passiert anderen, aber es kann wirklich jeden treffen.
Deshalb ist es wichtig, dass das Thema so vielen Menschen wie möglich nahegebracht wird und Schülerinnen und Schüler sind einfach ein bisschen offener und lernfähiger. Denn je älter man wird, desto mehr schaltet man den Kopf ein. Das ist im Prinzip auch wie mit dem Skilaufen. Je älter man wird, desto schwerer fällt es einem den Hang herunterzufahren, weil man sich viel zu viele Gedanken macht.
Die Schüler machen sich nicht so viel Gedanken, ob man da irgendetwas verkehrt machen kann. Sobald sie gelernt haben, dass man in einer gewissen Tiefe und in einem gewissen Rhythmus drücken muss und das draufhaben, dann machen sie sich keine Gedanken. Als Erwachsener denkt man schnell: „Vielleicht mache ich etwas falsch. Dann lasse ich lieber die Finger davon, bevor ich die Person irgendwie noch kränker mache.“ Den Menschen muss da die Angst genommen werden.

Schmitz: Wie könnte man die Bergischen Lebensretter unterstützen?

Funk: Wir brauchen zum einen natürlich die Motivation der Menschen. Wir müssen die Aufmerksamkeit fangen, sodass die Menschen sagen: „Ach, das ist eine tolle Idee, wir dienen als Multiplikator.“ Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer die sich ein bisschen angesprochen fühlen und sich vorstellen können das Konzept in ihren Unterricht einzubauen, um unsere Idee in die Breite zu tragen. Um das zu schaffen brauchen wir natürlich auch Sponsoren, wir brauchen Geld. Jede Schule braucht einen eigenen Satz Reanimationspuppen, damit unser Plan funktioniert. Lehrerinnen und Lehrer sollen spontan auf die Puppen zugreifen können, wann immer sie Erste Hilfe im Unterricht einbauen möchten und das geht nicht, wenn die Beschaffung der Hilfsmittel umständlich ist. Wir brauchen also motivierte Menschen, wir brauchen motivierte Lehrkräfte und wir brauchen Geld und Sponsoren.

Schmitz: Wo findet man Sie denn im Internet?

Funk: Man findet uns unter www.bergische-lebensretter.de. Die Webseite ist gerade im Entstehen. Ich hoffe man kann bald drauf zugreifen. Wir sind ein noch recht junger Verein und wir werden versuchen Neuigkeiten über Internetplattformen zu verbreiten.

Schmitz: Ich möchte mich herzlich bedanken, dass Sie heute als Expertinnen an diesem Podcast teilgenommen haben. Und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei ihrem Vorhaben. Wir werden Sie ja auch ein Stück weit unterstützen, die Firma ZOLL tut ihr übriges.

Funk: Vielen Dank, dass wir unseren Verein vorstellen durften und ich gehe mal sehr davon aus, wenn wir es erst einmal geschafft haben das Bewusstsein für die Herzdruckmassage zu schärfen, dann werden wir im nächsten Schritt auch das Bewusstsein ausweiten, dass der Defibrillator ein sehr, sehr wichtiges Hilfsmittel ist.

Schmitz: Das kann ich nur bestätigen. Da werden wir sicherlich in den nächsten Folgen auch noch mehr mit den entsprechenden Experten reden. Herzlichen Dank und ich wünsche allen Hörerinnen und Hörern eine angenehme Woche. Bis dann, tschüss.

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